Eine andere Strategie ist das Weghören.

Vor allem sind es die Geräusche, die mir einen neuen Blick auf das Bild eröffneten. Beispielsweise das Schreibgeräusch, oder das Schraffurgeräusch eines harten Wachsstiftes auf Papier, wenn sich die Aufmerksamkeit beim Tun plötzlich vom Visuellen ins Akustische verschiebt und die Hand sich selbst zu rhythmisieren scheint.

Wenn wir das Hinhören als kulturelle Praxis benennen, dann passiert dies im Regelfall an ausgewählten Orten mit einem entsprechenden Programmangebot. Hier wird Hören zu einer Musikalisierungspraxis unter bereinigten Bedingungen, alles ist abgestellt auf diese Form von Hörpraxis, die Akustik der Architektur, die sitzende Haltung, die Bühnenpräsenz der Handlung bis hin zur Wohltemperiertheit des Vortrages mit seinen ästhetischen Folgen für das gesellschaftliche Ritual.

Den Versuch des Hinhörens unter den Bedingungen eines von Ablenkungen gestörten Musikalisierungsverlangens zu unternehmen ist allerdings eine Herausforderung. Uns erwartet immer ein lauter Raum, wobei „laut sein“ genauso weitläufig interpretierbar bleibt wie „still sein“. Gemeint ist vielmehr die Konkurrenz vieler paralleler akustischer Ereignisse, die zum gleichzeitigen Hin- und Weghören zwingen, also permanente Entscheidungen fordern, wohin sich das Ohr bewusst im nächsten Moment orientiert. In der Vielfalt der wahrnehmbaren Dinge und audiovisuellen Angebote passiert Hören in der Gleichzeitigkeit. Simultanität bedeutet hier die bewusste Entscheidung zwischen einem Hin- und Weghören, sich beispielsweise in einen separierten Körperklang, oder einer Addition von akustischen Ereignissen in ihren zufälligen Erscheinungen hineinzuhören und diese wie ein Ensemble wahrzunehmen.

Eine andere Strategie ist das Weghören. Die akustischen Erscheinungen erreichen zwar als Schallwelle das Ohr, werden aber vom Bewusstsein sondiert, gefiltert und ausgeblendet. Als Konsequenz dieser Beobachtung scheint dann weghören dasselbe zu bedeuten wie nicht zuhören. Zum Glück verhält es sich aber ganz anders: Das Motiv nicht zuzuhören als Hörtechnik entspricht vielmehr gleichzeitig alles zuzulassen was in diesem Moment geschieht. Sich auf etwas anderes zu konzentrieren, als auf Hörbares bedeutet dann, dass das aktuell akustisch Vorhandene ohne vom Bewusstsein bewertet existiert und gleichbedeutend nebeneinander erscheint. Erst in dieser Weise wird alles wirklich wahrnehmbar und ich höre Dinge, die sonst unerhört bleiben. Natürlich höre ich in diesem Zustand im Sinne der Kommunikation nicht mehr zu. Ich bin dann ganz bei mir selbst und höre weg, weit weg und ganz woanders hin und tief hinein.

Diese besondere Disposition des gleichzeitigen Hören und Sehens verstehe ich als ein eigenständiges künstlerisches Forschungsfeld. Es entstehen Arbeiten, die sich exakt mit dem speziell Audiovisuellen beschäftigen.

Ulrich Eller