Zwölf Stimmen

Mitten im Zentrum der Stadt gibt es diesen Ort, der wie entrückt zu sein scheint. Eben noch befand ich mich zwischen vielen Menschen und in einer turbulenten Geschäftswelt und jetzt, hier im Klostergarten, ist es fast still.

Jedenfalls so still, dass die eindringenden Geräusche sehr leise und wie von weit her zu kommen scheinen. Bei dieser Hörbeobachtung fallen mir andere Orte ein, in Mailand, Montréal, New York, Kyoto, Paris und natürlich Berlin, wo ich diesem Phänomen das erste Mal bewusst nachgegangen bin. Interessanterweise habe ich mich lange nicht mehr an diese Hörerlebnisse erinnert und jetzt sind sie schlagartig mit dem Eintritt in den Klostergarten wieder präsent, jedes einzelne von ihnen, in seiner Individualität und Besonderheit.

Der Ort selbst ist ein fertiger akustischer Moment, genau wie die anderen.

Ich beschreibe das, was diese Orte ausmacht, bringe meine Gedanken in die Sprachform und erstelle so eine Anzahl von kurzen Aussagen zum Hörvorgang, zum Moment der wahrgenommenen Stille, zur Architektur, zur Stadt und zu anderen Beobachtungen. 

Hier im Brüdernkloster verbinden zwölf große gotische Fenster den Kreuzgang mit dem Garten. Jedes Fenster hat ebenfalls zwölf Teilflächen, bestehend aus einer gusseisernen Rahmenkonstruktion, jedoch ohne Scheiben. In jedes dieser freien Felder platziere ich eine genau passende Kunststoffscheibe, von Fenster zu Fenster jedoch immer in einem anderen Feld. Die eingesetzten Flächen zeigen eine runde Lochperforation nach außen und auf deren Rückseite einen fixierten Lautsprecher. So entstehen zwölf Klangquellen, umlaufend zum Klostergarten. 

Mein akustisches Material sind ausgesuchte Stimmen, die meine audio-visuellen Eindrücke und die Hörbeobachtungen an solchen Orten rezitieren, allerdings nicht in der Form des Vorlesens. Zwölf ausgesuchte Stimmen flüstern meine Beobachtungen, so als ob es ganz nah am Ohr des Anderen geschieht. Jede Stimme erscheint in einem anderen Fenster und in ihrem eigenen Zeitmaß. 

 

Zwölf Stimmen (2010)

Perforierte Kunststoffscheiben, Lautsprecher, Kabel, flüsternde Stimmen, 12-kanalige Komposition, Zuspieltechnik

Kunst Acht, Kreuzgang und Klostergarten im alten Brüdernkloster, Braunschweig 2010

Fotos: Andreas Bormann

 

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