Schneckenklavier

Die Klangskulptur versteht sich als Reflexionsangebot über Musik, über Klänge und Geräusche und deren Bedeutungen und Symbole. Ein Konzertflügel, als Basisinstrument abendländischer Musiktradition, dient als Sockel für eine Anordnung von leeren Wellhornschneckengehäusen, bzw. deren Segmentierungen mit zugeordneten kleinen Lautsprechern.

Der Sound der Klangskulptur ist ein Autobahngeräusch, im Volumen angehoben und abgesenkt wie eine Woge, dabei aber permanent gegenläufig und zeitversetzt hörbar. Diese vielfältig rauschende Klangkulisse, in der optischen Zuordnung der Schneckengehäuse, zitiert das Meer. Ein urbanes und eher negativ empfundenes Zivilisationsgeräusch mutiert zu einem Naturgeräusch bei Betrachtung der Schneckengehäuse. Das Rauschen am Ohr beim Hineinhören in ein solches Schneckenhaus – der Selbstlaut des eigenen Körpers als hörbare Reflexion der Form – ist ebenfalls Motiv und Anlass für die Klangskulptur, indem hier aber die Formen selbsttätig tönen.

Der Blick in die teils komplexen Segmentierungen der Spiralformen und die Zuordnung kleiner Lautsprecher zu Objektpaaren befördern dieses Bild. Die Platzierung der Elemente auf einem geschlossenen Flügel steht in der bisherigen Tradition von objekthaft skulpturalen Klavier- und Flügelbearbeitungen der visuellen und akustischen Kunst.

Das Spektrum der assoziierbaren Klang- und Geräuschwelten der Arbeit befragt darüber hinaus die eigene Bewertung dessen, was Musik sein könnte.

Das Geräusch fand ich in einem Autobahntunnel unter dem ICC in Montréal, meine erste Wellhornschnecke im Alter von 5 Jahren irgendwo an einem Strand. Mein eigenes Rauschen, hörbar mit der Schnecke am Ohr, klingt wie das Meer selbst oder wie früher das Testbild der TV´s nach Sendeschluss oder wie die Niagarafälle (etwa in einem Kilometer Distanz) oder auch wie die innerstädtischen Klangkulissen des Straßenverkehrs.

 

Schneckenklavier (2006)

Schwarzer Flügel, 98 Wellhornsegmente, kleine Lautsprecher, Kabel, 12-kanalige Komposition, Zuspieltechnik

Konsumverein, Braunschweig 2006