Klangzeichen

Vielfaches Werfen, Fliegen, Gleiten, Aufprallen, Fallen, Rutschen, Holpern, Klingen, Knallen, Auffinden, Markieren, Umranden, Sammeln, Stapeln, Werfen …

 

Klangzeichen – eine Materialmusik (1983)

Industriehalle, 255 Ausgleichscheiben aus dem Gleisbau, weiße Kreide, Aufnahmetechnik, Abspieltechnik

Projekt Hetal, Material & Wirkung e.V., Berlin 1983

 

Musik der Spuren

Zu der Materialmusik >Klangzeichen< von Ulrich Eller

Der Begriff >Komposition< bezeichnet in einem bestimmten Sinn musikalische Werke und hat die lateinische Wurzel >compositum<, den Perfektstamm von >componere<. Dieses Verb wird übersetzt mit >zusammensetzen, zusammenstellen, sammeln<. Von dieser Grundbedeutung sind drei Ableitungen vorhanden:
zu einem Ganzen zusammenstellen
ordnend zusammenstellen
vergleichend zusammenstellen.
Die Materialmusik >Klangzeichen< von Ulrich Eller ist bezogen darauf eine Komposition in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Die Komposition setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen:

Ort
Aufführungsort ist eine aufgegebene Fabrikhalle in Wedding. Sie steht leer, aber Überreste verweisen noch auf die vorherige Nutzung. Der vordere Teil der Halle bietet Platz für weiträumige Aktionen, im hinteren Teil wirken im Raum installierte Rohrleitungen und auf dem Boden verteilte Restteile als Hindernis.

Zeit
Die Aufführung der Komposition nimmt sechs Tage in Anspruch, wobei jeder einzelne Tag zu einem bestimmenden Element in der Realisation der Komposition wird.

Material
Die Komposition beinhaltet zwei Bestandteile als Klangkörper: die Fabrikhalle und sogenannte Unterlegscheiben, die als Ausgleichsglied zwischen Schiene und Schwelle beim Eisenbahnbau dienten. Die Holzplatten standen dabei unter hohem Druck, der sich beim Auftreffen auf Wand und Boden der Halle in einem besonderen Klangbild äußert.

Zeitraum
Die Realisation der Materialmusik bedingt unterschiedliche Zeiträume, die sich aus dem Kompositionsschema herleiten:
Die Unterlegscheiben werden von Ulrich Eller in die Fabrikhalle geworfen, einzeln oder in Bündeln. Nach dem Auftreffen auf Wand und Boden, das zum Klangelement der Musik wird, verteilen sich die Platten im Raum. Diese Verteilung wird durch Umrandung der Fundorte mit Kreide festgehalten. Während dieses Vorgangs und nach Abschluss wird ein Band abgespielt, das den Klang der Materialmusik hörbar werden lässt, als Wiederholung des ursprünglichen Klangereignisses. Bevor am folgenden Tag das Ereignis selber eine Wiederholung findet, werden die Platten wieder eingesammelt. Drei verschiedene Zeiträume lassen sich unterscheiden:
die Zeit der Bewegung, die die Bewegung des Werfenden und die Bewegung der Platten beinhaltet;
die Zeit der Einschreibung, die sich auf den klanglichen Aspekt bezogen mit der Zeit der Bewegung deckt, da die Aufnahme des Klangs auch eine Art der Einschreibung ist. Die Umrandung mit Kreide hält den statisch-räumlichen Aspekt fest, wobei sich im Laufe der aufeinander folgenden Realisationen eine Überdeckung der Einschreibung ergibt, die mit dem auf Band gesammelten Klangmaterial korrespondiert;
Die Zeit des Sammelns gilt der Vorbereitung der nächsten Realisation.

System
Die Komposition richtet ein System gegenseitiger Bezüge ein, in denen die verschiedenen Ausdrucksformen aufeinander verweisen. Der Klang übersetzt Bewegung, Bewegung wird zum Klang. Im Laufe der einzelnen Realisationen wird diese Umsetzung bewusst gesteuert. Zu Beginn der Aktion ist nur der Hallenboden Klangkörper, der sich später auf Wände und Decke ausdehnt. Sowohl der natürliche Klang als auch die vom Band abgespielte Aufnahme lässt diese Steuerung wahrnehmbar werden. Die Umrandung mit Kreide wird in Bezug auf die Musik zu einer negativen Partitur im Raum, da sie den Prozess der Klangerzeugung nach dem eigentlichen Klangereignis festhält. Nach Abschluss des Wurfvorgangs und dem Akt der Einschreibung deckt sich diese Partitur mit der Wiederholung des Klangs vom Band. Bildet die Partitur den räumlichen Aspekt der Komposition, so ist der auf Band konservierte Klang die Produktion einer zeitlichen Dimension. Dass sich die Partituren überdecken, während die musikalischen Ereignisse nur in der Aufeinanderfolge hörbar sind, weist auf die Unterschiede von Zeit- und Raumerfahrung hin.

Begriff
Ulrich Eller verwendet für seine Komposition >Klangzeichen< schon vorgegebene Materialien, die sich entgegen ihrer vorherigen Nutzung für eine klangliche Umsetzung als geeignet erweisen. In diesem Sinne ist >Klangzeichen< Materialmusik, deren Ausgangsmaterial die Unterlegscheiben sind. Der Titel der Materialmusik verweist auf den Begriff des Zeichens, den Peirce folgendermaßen definiert: >Ein Zeichen ist etwas, das für jemanden in irgendeiner Hinsicht oder aufgrund irgendeiner Fähigkeit für etwas anderes steht<.
Die unterschiedlichen Bezüge des >Klangzeichens<, die oben angedeutet wurden, entsprechen dieser Definition. Klang wird zum Index für Bewegung. Die Einschreibung ist ein ikonisches Zeichen. Die Bestimmungen lassen sich fortsetzen.
Der Begriff der >Spur< hat ebenfalls verweisenden Charakter, ohne inhaltlich überfrachtet zu sein. Deshalb wurde er hier eingeführt. Dieser Begriff lässt sich durch die ganze Materialmusik verfolgen. Ausgangspunkte sind Bewegungen im Raum, deren Endpunkte eine erste Spur auslegen. Die Aufnahme des Klangs ist eine zweite Spur. Die hier vorliegende Dokumentation wird von daher zu einer Spurensicherung, im Foto und auf Cassette.
Dieser Text legt neue Spuren aus, denen der Leser anhand der
Dokumentation folgen kann.

Thomas Wulffen
Berlin, August 1983

 

   

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