Kammerstück

Im kleinen Flügel wird die heroische Epoche deutscher Kriegsmarine um 1910 in Gestalt eines bürgerlichen Wohnzimmers mit Samtsofa, großblättriger Pflanze sowie maritimen Bildern, Schiffsmodellen und Souvenirs beschworen.

Diese Exponate der Vergangenheit künden von einer Kriegsbegeisterung, sie sind Teil der Geschichte und wirken nun als Dokumente nach. Ein inszenierter Raum, der vergangene Lebenswelten in Erinnerung ruft. Heute erscheinen die Ölgemälde mit Torpedobooten, Frachtern aus Metall und Zerstörern in aufgepeitschter See als Versuch, das Bild vermeintlich heroischer Taten zu vermitteln. Bilderwelten werden als Ideologie entlarvt. Ölgemälde als Medium der Propaganda: Eine distanzierte Haltung stellt sich ein.

„Kammerstück“ greift die Mixtur aus Propaganda und bürgerlicher Idylle auf, erweitert das Inventar um eine modifizierte Snaredrum und ein Set von vier Studioboxen. Während im Innern der silbernen Metalltrommel ein Rundfunkempfänger Signale abstrahlt und ihre gedämpfte Membran mit Schneckenhäusern anregt, die sich leicht bewegen, zu tanzen scheinen, erklingen zarte Gesänge aus den vier Klangquellen, die durch den Raum wandern.

Eller nutzt den Kabinettraum als Bildgeschehen und Kulisse und regt die Besucher des Schifffahrtsmuseums durch die akustischen Impulse der Komposition zum Verweilen und Räsonieren an. Eine wundersam erzeugte Spannung überlagert das Bildgeschehen und es deutet sich eine Mischung aus Gesängen und Signalen an, die durch kinetische Elemente tanzender Schneckenhäuser die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Christoph Metzger, in: Sonoric Ecologies, Ostseebiennale der Klangkunst, Pfau Verlag, Saarbrücken 2008, S.33 ff.

 

Kammerstück (2008)

Snaredrum mit integriertem Lautsprecher, Radiosender, vier Studioboxen auf Stativen, Inventar des Schifffahrtsmuseums, Zuspieltechnik

Sonoric Ecologies, Ostseebiennale der Klangkunst, Schifffahrtsmuseum, Kiel 2008