Die Zwischentöne

Die Hörkulisse der Straße ist hybrid, manchmal sehr laut und enthält das gesamte Spektrum urbaner Geräusche, sowie das der musikalischen Dauerbeschallung aus einigen Geschäften.

Meine Zwischentöne werden optisch durch gelbe Lautsprecher repräsentiert. Sie haben in dieser Farbe einen hohen Wiedererkennungswert in der visuellen Vielfalt der Straße. Die Lautsprecher sind in unterschiedlichen Höhen installiert, manchmal weit sichtbar, manchmal in Nischen und hinter Ecken, wobei die Wahrnehmbarkeit dann zuerst vom Gehör ausgeht. Vielleicht beginnen manche Straßenbenutzer sie zu suchen, sie aufzuspüren in der optischen und akustischen Vielfalt der Orte.

Die Klänge, die ich benutze sind einfach: Reibungsgeräusche, ein Rascheln, Perkussions- und Vibrationsgeräusche verschiedener Materialien, sowie Knackgeräusche. Oft tauchen die akustischen Implantate ab. Die tägliche Geräuschwolke trägt sie fort, umhüllt sie gleichsam, um sie zu integrieren und als Teil von sich selbst unhörbar zu machen.

Doch plötzlich, wenige Momente später, erscheinen sie wieder, füllen einen freien, durch die Zufälligkeit des Augenblicks bedingten Moment aus, einen Moment, den sie im Gesamtzusammenhang aller Hörereignisse plötzlich für sich selbst haben, wie freigestellt, ganz Gegenwart.

Dies sind für mich die interessantesten Momente, weil dieser Vorgang völlig unerwartet passiert, und sich die Ohren dann von einer Sekunde zur nächsten weit öffnen. Dann ist das Hören ganz da, um ein ähnliches Erlebnis mit einem anderen akustischen Implantat an einer anderen Stelle erleben zu können.

 

Die Zwischentöne (1994)

Sanjo Street in Kyoto, 25 baugleiche Lautsprecher mit gelber Bespannung, 10 unterschiedliche urbane Situationen, Stahlseil, Kabel, 10 Kompositionen, Zuspieltechnik

Sound Sphere Kyoto, The 6th International Contemporary Music Forum, Kyoto 1994